Text von Dr. J. Wurst, Kunsthistoriker zur Skulptur “Verbindendes Element” von B. Wilchfort Open Mind

Vier in den Nacken gelegte Köpfe, in ihrem Äußeren auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden, sind einander über Kreuz zugewandt.

Die Schädeldecken sind aufgebrochen, Drähte quellen aus den unterschiedlich geformten Öffnungen hervor und vereinen sich wolkenartig und unentwirrbar über den Häuptern.

Erst bei näherem Hinsehen sind im verschlungenen Gewirr kleine, aus den Drähten geformte Symbole zu entdecken, Mondsichel (Halbmond), lateinisches Kreuz, Davidstern, ein buddhistischer Knoten.

Nur nah an den Öffnungen der Schädel, die in ihren Formen den hervorquellenden Symbolen entsprechen, noch komplett, lösen sich jene Symbole immer mehr auf, bis sie schließlich ganz verschwinden.

Und die Bande an meinem Herzen 1989, 21 x 35 x 21 cm, Steinnzeug, Glasur, Engobe
Schneckenkopf , 1992, 20 x 26 x 18 cm, Steinzeug, Glasur

.Dem Betrachter verschließt sich das Kunstwerk.

Die Köpfe bilden sowohl in ihrem abgewandten „auf-sich-bezogen-sein“ als auch in den vielfach eingegangenen, kaum mehr aufzulösenden Verbindungen eine fast hermetisch-abweisende Einheit.

Sie erzählen keine Geschichte. Dies erweckt naturgemäß Neugier, doch ein forschend-neugieriger Blick ins Innere der Schädel – die leer sind – hat etwas unangenehmes, ja voyeuristisches.

Der Betrachter wird eben nicht eingeladen, den Ursprung zu schauen, sondern das Ergebnis; er bleibt in der Rolle des Beobachters, der auf sein
Wissen, seine eigenen Assoziationen angewiesen ist, das Werk, das Geheimnisvolle, das in ihm
steckt, zu entdecken, zu entschlüsseln und zu verstehen.

Die Ununterscheidbarkeit der sich dem Abstrakten nähernden Köpfe, ihre Identitätslosigkeit deutet
auf eine prinzipielle Gleichheit hin.

Ethnische und soziale Herkunft, Geschlecht, Alter, Stand – all das
spielt hier keine Rolle.

Lediglich die unterschiedliche religiöse Zugehörigkeit wird zum Thema, diese
aber als gedankliches Konstrukt gezeigt, das keinen Einfluss auf das Mensch-Sein an sich hat.

Der Mensch, der sich geöffnet hat, was Blanka Wilchfort im wahrsten Sinne des Wortes zeigt, kann die
nur gedanklichen Begrenzungen entlassen.

Durchbruch, 1990, 24 × 20 x 33 cm, Steinzeug, Glasur, Stahlnägel,
Titel und Datum

Je weiter die Gedankenstränge sich entfernen, umso unwichtiger wird die jeweilige Religion, umso wichtiger werden die Verbindungen untereinander.

Die Symbole, die mit ihren Ecken und Kanten wie Schranken oder Haltepunkte wirken, lösen sich auf, Energie fließt ungehindert, jeder ist mit jedem verflochten, hat Teil an der Einheit, die am Anfang war.


So entsteht über den Köpfen etwas Gemeinsames, etwas Neues, worauf die Symbole, obgleich sie natürlich vielfache Bedeutungen haben, verweisen: jene sich in vielen Gesichtern zeigende spirituelle
Kraft.

Die Skulptur lässt sich jedoch auch „von oben“ lesen. Gleichsam wie aus einer Wolke ergießt sich diese eine beseelende Kraft, sich in den unterschiedlichsten Facetten auffächernd, in die zwar im
Prinzip geformten (aus Ton, also aus Erde!), aber noch nicht „er-füllten“, noch identitätslosen Körpe und schenkt ihnen Leben.

Deutlich wird, dass dieser Fluss keine Einbahnstraße ist, sondern ein
wechselseitiges Schöpfungsgeschehen. Denn ein wie immer geartetes Göttliches kann nicht ohne
Mensch gedacht werden, und der Mensch nicht ohne dieses Eine.

Titel und Datum